Kann es genug Bauhaus geben?

Von Sydney nach Santiago de Chile

Can Dağarslanı
Can Dağarslanı, Serenity

Can Dağarslanı
Istanbul

Als Architekt und Fotograf bin ich gehalten, als Studio Ideen und Projekte zu liefern, die sich in beiden Gebieten gegenseitig beeinflussen. Die einflussreichste Idee hinter der ursprünglichen Bauhaus-Bewegung war die Entwicklung einer Verschmelzung der bildenden Künste sowie die Begünstigung des charismatischen und kreativen Austausches zwischen Künstler*innen, die in ihren Kunststilen und Vorlieben sehr unterschiedlich waren, jedoch durch ihren Idealismus und ihre Interessen an einem „Gesamt“-Kunstwerk über verschiedene Praktiken und Medien hinweg geeint waren.

Ich wusste immer, dass diese Einigkeit und Harmonie bis heute anhält, aber Teil von 100 jahre bauhaus zu sein gab mir die Möglichkeit, dies neu zu erleben. Diese Erfahrung machte zum wiederholten Male deutlich, dass Gegenseitigkeit und Einheit direkt nebeneinander liegen, wenn man ihnen die Chance zu wachsen gibt.

Ebenso wie, dass diese Essenz des Einklangs zeitlos ist und zweifelsohne auch in der Zukunft Bestand haben wird. Hierfür würde ich gerne eines meiner Werke teilen, welches auf das Clustering und Zusammenspiel verschiedenartiger Kunstformen setzt, und meine Begeisterung und Dankbarkeit für alle sich gegenseitig befruchtenden Disziplinen widerspiegelt.

 

Can Dağarslanı ist ein türkischer Fotograf. Sein Interesse für Fotografie im Retro Stil entwickelte sich während seines Architekturstudiums an der Mimar Sinan Universität der Bildenden Künste in Istanbul. Er wurde durch seine Bilderreihe „Serenity“ am Bauhaus Dessau international bekannt.

Laura Forlano
Chicago

In den letzten drei Jahren habe ich bei meiner Arbeit am Herausgeberband „Bauhaus Futures“ für das Jubiläumsjahr viel über die Vielfalt der Menschen, Orte, Institutionen und Philosophien gelernt, welche die Bauhaus Designschule und ihre weltweite Diaspora mit Leben erfüllt haben. Tatsächlich war das Bauhaus viel mehr, als seine unstete, fragmentierte Geschichte vermuten lässt. Es war, um es kurz zu fassen, eine Art des Daseins, die das Experimentieren – sowohl in künstlerischer als auch wissenschaftlicher Sicht – mit Konzepten, Materialien und Technologien umfasste.

Auf unserer Reise zu den vielfältigen möglichen Zukunftsformen des Bauhaus ist es essentiell, Daseinsformen zu entwerfen, die ausdrücklich an die Grundsätze von Gleichheit und Gerechtigkeit gebunden sind, um vielgestaltige Welten für Menschen aller Geschlechter, Ethnien, Rassen, Klassen, Fähigkeiten und Sexualitäten, sowie für unsere nichtmenschlichen Mitgeschöpfe in ihrer Artenvielfalt zu schaffen.

 

Laura Forlano, Ph.D. ist außerordentliche Professorin für Design am Institute of Design und der angeschlossenen Fakultät im College of Architecture am Illinois Institute of Technology, wo sie als Direktorin des Critical Futures Lab tätig ist. Promoviert hat sie an der Columbia University.

Fernando Imas Brügmann
Santiago de Chile

In unserer Disziplin hatte ich das Bauhaus lediglich aus der Architektur heraus studiert, aber diese Gedenkfeier öffnete mir die Augen für die Welt des Designs im Allgemeinen. In diesem Jahr besuchte ich die Museen in Weimar und Dessau, und das Wichtigste, was ich sehen konnte, war, dass das Bauhaus immer noch lebt und neue Elemente, Objekte, Architektur etc. mit Verbesserungen für unseren Alltag hervorbringt.

Ich denke, ich habe auch viel über die Bedeutung des Bauhaus in Chile gelernt. Die Erdbeben, die unsere Städte in den 1930er Jahren vollständig zerstörten, ermöglichten die Umsetzung moderner Architektur als schnelle Form des Wiederaufbaus, und das Bauhaus spielte hierbei eine grundlegende Rolle, da deutsche Lehrer und Schüler nach Chile kamen, um ihre Postulate zu verbreiten. Auf diese Weise verschmolz das imaginäre Bauhaus mit unseren Städten, wurde Teil unserer eigenen Veranlagung und in einer Weise zu einem alltäglichen Element, dass wir es nicht mehr als fremden Einfluss wahrnehmen.

Diese Hundertjahrfeier hilft uns, Zweifel über seinen Ursprung auszuräumen, über seine Bedeutung zu unterrichten und chilenischen Staatsbürgern beizubringen, dass wir über beeindruckende Gebäude und Designwerke verfügen und die Pflicht haben, diese als Teil eines internationalen Erbes zu pflegen und wertzuschätzen.

 

Fernando Imas Brügmann hat einen Abschluss in der Konservierung und Restaurierung kultureller Museumsstücke. Der Mitbegründer von www.brugmann.cl gilt als herausragender Experte auf dem Gebiet der Kulturförderung und konzentriert sich im Wesentlichen auf die Verbreitung von Kunst und kulturellem Erbe.

 

Illustration: Mario Rojas
Chile, Bauhaus influence

Penelope Schneider
Sydney

Ich habe über meinen Ehemann Harry vom Bauhaus erfahren, der von drei Bauhaus Meistern unterrichtet wurde, mit denen er später auch zusammenarbeitete - Walter Gropius, Marcel Breuer und Josef Albers - und zwar in der Zeit, als sie in den 1940er Jahren in den USA lehrten.

Als Harry später nach Australien kam und sein Architekturbüro eröffnete, brachte er deren Philosophie und Methodik mit. Das Unterrichten in Australien zu dieser Zeit fand primär auf englischen Grundlagen statt, das Bauhaus wurde nicht erwähnt, als ich in den frühen 1960er Jahren studierte; es hat mit in diesem Jubiläumsjahr überrascht und sehr gefreut, dass es so viele Gespräche und Öffentlichkeit, sowie ein wachsendes Interesse am Bauhaus Erbe in Australien gibt; die jüngste Veröffentlichung ‚Bauhaus Diaspora and Beyond‘ untersucht das Erbe der nach Australien emigrierten Bauhaus Lehrenden und Studierenden sowie ihren bedeutenden Beitrag zu unserer Kultur.

Ludwig Hirschfeld Mack, ein Bauhaus Lehrer, wurde im Zweiten Weltkrieg von England nach Australien deportiert; er wurde Lehrer an einer Eliteschule und beeinflusste ein ganze Generation von kreativen Anführer*innen; auch Harry wurde von den Briten deportiert, allerdings nach Kanada. Er hatte das Glück, von Bauhaus Lehrern zu lernen, und schrieb ihnen auch immer seinen Erfolg zu.

Ich finde es interessant, dass das Bauhaus häufig in der Werbung verwendet wird, meist zwar falsch, aber es belegt, dass es heute in unserer Kultur positiv verankert ist!

 

Penelope Schneider ist die Ehefrau des bekannten australischen Architekten der Moderne, Harry Seidler (1923 - 2006), Schüler von Walter Gropius und Josef Albers. Sie ist Architektin und war zudem Beauftragte des australischen Pavillons der Biennale von Venedig sowie Direktorin der Biennale von Sydney.

Micha Gross
Tel Aviv

Die Hundertjahrfeier des Bauhaus in Deutschland fand zeitgleich mit dem 20. Jubiläum des Bauhaus Center in Tel Aviv statt. In diesem Jahr der Jubiläen haben wir zunehmendes öffentliches Interesse am Thema Bauhaus allgemein sowie Bauhaus Architektur in Tel Aviv im Besonderen wahrgenommen.

Beide Ereignisse wurden in Dutzenden von Zeitungsartikeln, Fernseh- und Radioberichten, Online-Blogs etc. erwähnt. Das beeindruckende Programm in Deutschland in diesem Jahr hat uns sehr berührt. Die unglaublich große Vielfalt von Veranstaltungen und Ereignissen, die im ganzen Land stattfanden, spiegeln unserer Meinung nach die demokratischen Ideen des Bauhaus wider. Daneben denken wir, dass sich die Festivitäten nicht nur auf sehr unterschiedliche geografische Teile Deutschlands erstreckten, sondern auch eine große Anzahl von Bürger*innen angesprochen haben.

Unser Bauhaus Center haben in diesem Jahr Geschichts- und Architekturprofessor*innen, Künstler*innen, Sachbearbeiter*innen, Fabrikarbeiter*innen, Senior*innen, Studierende, Schüler*innen, Männer und Frauen kontaktiert – sie alle interessierten sich für das Bauhaus. Unserer Ansicht nach waren die Vorbereitung und Programmgestaltung für dieses Jahr außerordentlich gelungen und haben mit Gewissheit ihr Ziel erreicht. Herzlichen Glückwunsch!

 

Dr. Micha Gross ist Mitbegründer und Direktor des Bauhaus Center in Tel Aviv sowie Bauhaus-Experte, insbesondere für den Restaurierungs- und Erneuerungsprozess in Tel Aviv. Er promovierte 1990 am Technion Haifa in Israel.

Meltem Eti Proto
Istanbul

Ich finde es sehr wichtig, sich an das Bauhaus zu erinnern, welches angesichts der Anforderungen seiner Ära die Welt des Designs beeinflusst und geleitet hat. Ich war Studentin und bin nun Professorin an der Marmara-Universität, Fakultät für Bildende Künste, in Istanbul, die 1957 auf dem Bildungsansatz der Bauhausschule gegründet wurde. Ich glaube, dass der Bildungsbeitrag des gemeinsamen Erschaffens im Programm der Abteilung Innenarchitektur der Fakultät für Bildende Künste der Marmara-Universität die Bauhausschule stark reflektiert.

Die Hundertjahrfeier des Bauhaus und ihre Programme auf der ganzen Welt bestärken meine Gedanken über ‚Learning by Doing‘ auf Basis der innovativen Grundsätze des Bauhaus in einer Zeit, in der die junge Generation in einer technologischen Welt geboren wurde und fast ihr gesamtes Leben umgeben von digitalen Technologien verbringt, und in der Mobilität sowohl für das Leben als auch für das Lernen unabdingbar ist. Ich glaube, dass das Thema der Koordination von Handeln und Denken, die – wie wir immer betont haben – in der Architekturlehre durch das Tun ausgelöst wird, heute noch viel wichtiger ist.

 

Prof. Meltem Eti Proto ist Professorin an der Fakultät für Bildende Künste, Abteilung Innenarchitektur, der Marmara-Universität in Istanbul. Sie war dort von 2006 bis 2019 als Direktorin tätig. Ihre Arbeit konzentriert sich auf das Verhältnis zwischen Kunst und Architektur.

Prof Meltem Eti Proto

    [NF 2019, Translation: TBR]

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