Kurwenals Frauchen

Kritik am Bauhaus

Foto: Louis Held / © Stadtmuseum Weimar
Mathilde v. Freytag-Loringhoven beim Unterricht mit ihrem Dackel Kurwenal, wohl 1930

Absatz 1

Den Kopf nach rechts geneigt, auf dem blonden Haar ein strenger Hut, einen Blockstreifenschal um den Hals gelegt, der Rücken gebeugt, in der einen Hand einen Gehstock und in der anderen eine Aktentasche: das Porträt, das Hildegard Arminius von Mathilde Freiin von Freytag-Loringhoven malte, zeigt eine selbstbewusste, aber skeptische Frau. Kein Kinkerlitzchen stört den beherrscht kontrollierten Eindruck. Die Kleidung eine einzige Ode an die Farben Grau und Braun. Aber es ist vor allem der Blick, der Bände spricht: die zusammengekniffenen Augen, die das Gegenüber auf Abstand halten. Es ist der Blick, mit dem die Künstlerin und Journalistin auch das Bauhaus betrachtet hat. Von Freytag-Loringhoven war ebenso bekennende wie leidenschaftliche Kritikerin von Avantgarde und Moderne. Eine „Geißel“ des Bauhaus und noch dazu eine mit Wirkung. Denn sie formulierte ihre Abneigung im Feuilleton der Stadt und war Vorsitzende der Kunstkommission des Weimarer Gemeinderates. 

Stadtmuseum Weimar
Mathilde v. Freytag-Loringhoven, Fotografie von Ella Bayer-Held, 1930er Jahre
Klassik Stiftung Weimar
Mathilde v. Freytag-Loringhoven in ihrem Atelier im Haus Marienstraße 18, 1930er Jahre

Absatz 2 – 3

Ihre eigene Bilderwelt bestand überwiegend aus Landschaften, Porträts und Blumen. Als eine der ersten Frauen studierte sie an der Weimarer Kunstschule. Wie ihr Lehrer Karl Buchholz, dessen einzige Schülerin sie war, verpflichtete sie sich ihr Leben lang einzig und allein dem Spätimpressionismus. Kein Wunder also, dass die Ideen der Bauhaus-Meister ihre Vorstellung von Schönheit und Ästhetik tief verletzten. Überhaupt hatte sie zu vielem ihre ganz eigene Meinung und ließ sich nicht auf ein Können festlegen. Freiin Mathilde von Freytag-Loringhoven war Schriftstellerin, Laienschauspielerin und Tierpsychologin. Ihr eigener Dackel war übrigens einer von zwei „sprechenden“ Hunden, die damals in Weimar Gassi geführt wurden. Auf seinem Grabstein steht dann auch: "Kuno von Schwertberg, genannt Kurwenal, der klügste und edelste aller Hunde, der Welt berühmter Rechner, Denker und Redner.“

Von Freytag-Loringhoven war also vieles, sie jedoch nur skurril zu nennen, wird ihr nicht gerecht. Einblicke in ihre facettenreiche Persönlichkeit, ihre Kunst und ihr Verhältnis zum Bauhaus liefert noch bis zum 12. Januar eine Ausstellung im Stadtmuseum Weimar. Gezeigt werden ihre Radierungen, Grafiken und Gemälde, mit denen sie bis zum Schluss gegen die Einflüsse der Moderne anmalte. Erstmalig sind die meisten ihrer Bilder öffentlich zu sehen, die in Privatbesitz sind. Waldwege und Auen, Sonnenlicht auf Baumrinde, das Meer und Gebirgsbäche. Eine friedliche, samtige Welt.

    [TF 2019]

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