Wie das Bauhaus nach Palästina kam

Internationale Moderne: Israel (Teil 2)

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Tel Aviv in den 1930er Jahren. Ein Blick von der Ben Yehuda Street zum KKL-JNF Boulevard - jetzt Ben Gurion Blvd. - und die Ecke von Dizengoff. / Fotograf: unbekannt. Lizenziert unter Wikimedia Commons. CC BY 2.5: The Israel Internet Association via https://www.pikiwiki.org.il/image/view/40775 / https://commons.wikimedia.org/wiki/File:PikiWiki_Israel_40775_Tel_Aviv.jpg / https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Pikiwikisrael

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Die Bautätigkeit der zionistischen Einwanderer nach Palästina fand im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts vorwiegend in Haifa und Jerusalem statt. Rund um alte Stadtkerne wurden moderne Viertel geschaffen. Hier fanden in den 1930er Jahren deutsche Starchitekten wie Erich Mendelsohn und Adolf Peter Rading neue Betätigungsfelder, nachdem sie Hitler-Deutschland verlassen mussten.

Im 1909 gegründeten Tel Aviv aber, der ersten jüdischen Stadtanlage weltweit, war zeitgleich eine junge jüdisch-palästinensische Architektengeneration tätig, die ebenfalls in Europa studiert hatte. Deren Lehrer waren Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe oder Le Corbusier. Geprägt von den Ideen des Bauhauses gestalteten sie das moderne Tel Aviv, wo sie auf ideale stadtplanerische Visionen trafen.

Von Grünflächen und Nachverdichtung

Bis 1925 plante man dabei nur kurz- bis mittelfristig. Nun beauftragte die Kommunalverwaltung von Tel Aviv den Briten Patrick Geddes mit der strategischen Stadtplanung. Geddes plante Ost-West- und Nord-Süd-Tangenten sowie in der Folge große Verkehrskreuzungen, wofür nach Bedarf Land hinzugekauft, aufgeteilt und bebaut wurde. Das Besondere an Geddes war zweierlei: Erstens war er ein Freund der zionistischen Idee, aber kein Jude. Zweitens: Er war von Hause aus Biologe und kein Stadtplaner, was bis dahin aber ohnehin ein weitgehend unbekannter Beruf war.

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Für seinen Plan analysierte Geddes die räumlichen Beziehungen der Bewohner untereinander. Die Verkehrswege verstand er als Zugänge zu den Häusern und Räumen, dort wo sich das tägliche Leben der Hausfrauen und Mütter abspielte. Der Weg zum Bäcker sollte kurz sein, der zum Kinderspielplatz auch; hier durfte kein Durchgangsverkehr stattfinden. Bald wurden auch Kulturstätten wie Theater und Bibliotheken geplant, und es war Geddes, der damit begann, über Gebäude mit Dachterrassen nachzudenken. Seine Stadt sollte hell sein – dafür sah er große Plätze mit Grünflächen zwischen den Häusern vor.

Schon kurz nach diesen Planungen aber aber strömten immer mehr Einwanderer ins Land. Zwischen 1931 und 1935 wuchs die Bevölkerung gar auf das Dreifache an. Neuer Baugrund wurde gebraucht. Geddes' großzügige Stadtplanung ließ sich kaum noch halten. Nicht wenige der projektierten Gärten und Parkanlagen wurden im Zuge dieser städtischen Nachverdichtung geopfert.

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Ein Blick auf die Arbeiterwohnheime in der Frishman Street - Hod, deren Bau in den 1930er Jahren abgeschlossen wurde. Architekt: Arieh Sharon (1900-1984) / Fotograf: unbekannt.

Vom Imker zum Vater der Architektur

Ehe Arieh Sharon zum Vater der israelischen Architektur wurde, hatte er als junger Mann in einem Kibbuz als Imker gearbeitet. Er war fasziniert von den effizienten Strukturen und dem organisierten Bauen, mit dem die Insekten Funktion und Form auf höchst ökonomische Weise vereinten. Was bei den Bienen aus einem natürlichen Instinkt heraus geschah, wurde in Dessau als Grundlage der Bauhaus-Architektur gelehrt. Nur ein Jahr, nachdem Patrick Geddes mit dem Stadtplan für Tel Aviv beauftragt wurde, besuchte Sharon die berühmten Vorkurse bei Josef Albers, Wassily Kandinsky und Joost Schmidt. Im Jahr darauf absolvierte er als einer der ersten Studenten die von Hannes Meyer neu gegründete Bauabteilung.

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Nach seinem Studium eröffnete Sharon in Tel Aviv sein eigenes Architekturbüro. Der funktionelle Ansatz des Bauhauses blieb in seinen Entwürfen immer spürbar. Bei den vier Pavillons etwa, die er für den Gewerkschaftsverband Histadrut errichtete – modulare Holzelemente, die sich stufenweise ansteigend ausbreiten. Oder bei den Arbeiterwohnsiedlungen Meonot Ovdim mit ihren funktionalen Gebäuden, die rund um einen öffentlichen, begrünten Innenhof angeordnet wurden. Im Erdgeschoss waren Geschäfte und kommunale Einrichtungen untergebracht, darüber Wohnungen unterschiedlicher Größe. Hier wurden die Ideen von Sharons Lehrer Hannes Meyer mit denen des Stadtplaners Patrick Geddes in eine wirkungsvolle Einheit gebracht.

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Allenby Ecke Rothschild, Tel Aviv, 1920er Jahre. Arabische Arbeiter schneiden Ziegelsteine für ihre Söhne, aus denen sie die Konvertierungsstation bauen werden. / Fotograf: unbekannt.

Ein Denkmal für die Arbeiter

Zeitgleich mit Arieh Sharon studierten Genia Averbuch in Rom und Brüssel, Zeev Rechter in Rom und Paris und Dov Karmi im belgischen Gent Architektur. Längst hatten die Bauhaus-Ideen auch an den dortigen Akademien ihren Niederschlag gefunden. Als die jungen Architekten Anfang der 1930er Jahre ebenfalls nach Tel Aviv zurückgekehrten, stimmten sie sich bei den Bauvorhaben untereinander ab oder beteiligten sich gemeinsam an Wettbewerben. Fast nirgendwo sonst wurde die Leitidee der Moderne "form follows function" so konsequent umgesetzt wie hier.

Mehr als 4000 Gebäude umfasst das Ensemble der „Weißen Stadt“ von Tel Aviv, das seit 2003 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Dank umfassender Restaurierungsarbeiten reihen sich heute wieder kubistische Würfel in makellosem Weiß aneinander, Gebäude mit Flachdach, ausladenden Balkonen und runden schwingenden Formen. Nicht alle von ihnen blieben von bauspekulativen Erweiterungen verschont. Doch die schönsten von ihnen liegen rund um den Dizengoff-Platz im Zentrum der Stadt und von Bäumen gesäumt am Rothschild-Boulevard – dort wo vor jenem Gebäude, in dem Ben Gurion einst den Staat Israel proklamierte, den Bauarbeitern von Tel Aviv ein Denkmal errichtet wurde. Ein Denkmal für die Architekten der imposanten Bauwerke steht noch aus.

    [GHH 2018]

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