Vom Bauhaus zu einer Schule der Schulen?

Jan Boelen über die Vorbild des Bauhauses für eine zukünftige Schule der Schulen

Luis Alberto Rodríguez, luisalbertorodriguez.com, Instagram: @luisalbertorodriguezstudio
Hochschulen für Gestaltung sollten vor allem eines sein: mutige Räume des Experiments.

Zu den Autoren

Jan Boelen (Brüssel) ist künstlerischer Leiter des Z33 House für zeitgenössische Kunst und Leiter des Master Departments Social Design an der Design Academy Eindhoven. 2018 kuratierte er die 4. Istanbul Design-Biennale. Nadine Botha (Rotterdam) zeigt mit Ausstellungen, Journalismus und Medien, wie gesellschaftspolitische Kultursysteme unsere Realitäten gestalten. Sie arbeitete mit dem Van Abbemuseum und gewann den Gijs Bakker Award der Design Academy Eindhoven für ihr Masterprojekt. Vera Sacchetti (Basel) ist Designkritikerin, Co-Kuratorin von TEOK Basel und Mitbegründerin der Redaktionsberatung Superscript. Sie arbeitet in verschiedenen Funktionen, zuletzt als stellvertretende Kuratorin der 4. Istanbul Design-Biennale.

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99 Jahre nach der Gründung des Bauhauses (im Jahr 2018, Anm. der Redaktion) inspiriert die von dieser experimentellen Schule zu Beginn des 20. Jahrhunderts hervorgebrachte erkenntnistheoretische Aussage immer noch vielfältig die Disziplin der Gestaltung. Die meisten Ausbildungsprogramme und Studienpläne für Design ahmen diese legendäre deutsche Schule nicht nur auf vielfältige Weise nach – von ihrer Faszination für das Modell der Werkstatt bis hin zum Aufbau der verschiedenen Studiengänge; durch jahrelange Wiederholung in Institutionen, die tendenziell groß und bürokratisch sind, wurden diese Züge regelrecht kodifiziert. Die Ergebnisse sind verständlicherweise inzwischen etwas weniger inspiriert als vor 99 Jahren; sie sind an industrielle und wirtschaftliche Realitäten angepasst, die sich an anderen Grundsätzen orientieren als jenen, die Gropius, seine Studenten und Kollegen leiteten.

99 Jahre nach der Gründung des Bauhauses hat sich die Welt verändert, ist Gestaltung ein völlig anderes Fach, das Studium der Gestaltung aber im Wesentlichen gleich geblieben. Und das, obwohl alternative Initiativen für Gestaltungspädagogik, beginnend mit dem Bauhaus, konsequent mutige Räume des Experiments und für neues Wissen geschaffen haben. Man denke nur an das Black Mountain College und seinen experimentellen und interdisziplinären Lehransatz, der bis heute nachhallt. Auf ähnliche Weise versuchten von 1973 bis 1975 die Workshops der Global-Tools-Initiative zu einer archaischen Form der Weisheit zurückzukehren, indem man sich zum Nomadentum bekannte und die Stadt hinter sich ließ; oder die Gruppe Sigma, die von 1969 bis 1980 einen künstlerischen und pädagogischen Zugang zu Mathematik, Kybernetik, Bionik, Psychologie und Architektur in der Kunst verwendete.

Diese Initiativen haben nicht nur dazu beigetragen, dass sich Gestaltung weiterentwickelte, sich selbst infrage stellte und die eigenen Grenzen erweiterte, sondern sie haben auch die Grenzen der Bildung und des Lernens allgemein verschoben. Viele dieser Experimente haben, weit über das Feld der Gestaltung hinaus, auch alternative Lebens- und Arbeitsweisen sowie die Verbindungen zu anderen wie auch zu uns selbst erprobt. Hierbei schufen diese Initiativen Raum für Reflektion und Aktion, zum Experimentieren und zur Entwicklung neuen Wissens, sodass neue Erscheinungsformen, Bedeutungen und Implikationen von Gestaltung entstehen konnten. Wo findet man heute ähnliche Räume? Kann man sie schaffen? Dies haben wir uns bei der Vorbereitung der 4th Istanbul Design Bienniale – „A School of Schools“ zu prüfen vorgenommen.

Eine Biennale anzweifeln, Design anzweifeln

Warum noch eine Design-Biennale? Worin liegt die Dringlichkeit, wenn es heute auf der Welt mehr Designfestivals, Designmonate, Designwochen, Designpartys und Designveranstaltungen gibt als jemals zuvor? Die geringe Greifbarkeit von Design birgt die Frage: Was lehren wir unsere Designstudierenden? Nicht viel, urteilt man nach den Hunderten von arttypischen Designportfolios, die jedes Jahr für Masterstudiengänge eingereicht werden: die gleichen Realitäten, erstellt in den gleichen Computerprogrammen, von Studierenden aus den Vereinigten Staaten bis nach China, alle mit dem Design von Lösungen für die in der vorangegangenen Generation zu Problemen gewordenen Designlösungen beauftragt. Designhochschulen ahmen immer noch das Bauhaus Modell „Werkstatt löst Schulbildung ab“ nach, das eine unpolitisch universelle Ästhetik hervorbrachte, die handwerkliche Gestaltung über alles stellte. Was einst eine Avantgarde-Design-Ausbildungsbewegung war, ist im Laufe von 99 Jahren zu einer globalen Institution geworden.

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Wie aber kann es gelingen, die Grenzen der Bildung und des Lernens an sich zu erweitern?

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Walter Gropius könnte sehr stolz darauf sein, wüsste er, dass sein Manifest von 1919 seine universellen Bestrebungen erreicht hat. Doch der wichtigste Unterschied zwischen dem Bauhaus von damals und der institutionalisierten bauhausartigen Ausbildung von heute ist, dass das Original ein utopisches Experiment war. Von den Kunstexperimenten des Black Mountain College und Victor Papaneks problemfokussierten Lehren der „real world“ über das Global-Tools-Gegenschulsystem der Workshops bis zur Methodik von Punkt-Linie-Fläche-Raum-Elementen der Gruppe Sigma von 1970 – die Geschichte des Designs ist gewürzt mit Beispielen experimenteller Pädagogikansätze, die nicht nur versuchten, die Definition und Anwendung von Design auf die Probe zu stellen und auszudehnen, sondern auch utopische Visionen einer universellen Bildung und der Gesellschaftsbedingungen als Ganzes vorzuschlagen. Doch Experimente sind in dem Moment keine Experimente mehr, wenn ihr Ergebnis vorhersehbar wird; Institutionen werden kontraproduktiv, wenn ihr Überleben wichtiger geworden ist als die Utopie, die sie voranbringen möchten. Auch in der universellen Bildung wird diese Schwelle schon seit langem von einem System überschritten, das darauf basiert, effiziente und folgsame Arbeiter hervorzubringen und Qualifikationen als Zugangs- und Statuskontrolle auszustellen. Der Neoliberalismus hat seine sich selbst erfüllende Institution bis zu dem Punkt pervertiert, dass Studierende angesichts der Illusion der Handlungsfähigkeit durch die Etikettierung als Kunden ein Leben prognostizierter Einnahmen nicht selten auf Schulden aufbauen, nur um sich die Ausbildung zu leisten, die sie für ein Leben voller Plackerei qualifiziert. Die Realität sieht jedoch zunehmend so aus, dass immer weniger Berufe, für die sich Kinder derzeit ausbilden lassen, bis zu deren Ausbildungsabschluss noch existieren und dass die Lücke zwischen höherer Qualifikation und erwartetem Einkommen sich seit der Einführung des Computers in den 1980er-Jahren dramatisch vergrößert hat. Eltern und junge Erwachsene, die auf die vormals todsichere Investition einer teuren Ausbildung setzen, bekommen keine Garantie, dass sich diese auszahlt.

Es ist eine intuitive Manifestation von Paulo Freires Bankenmethapher, dass Studierende wie leere Behälter beschrieben werden, in die Dozierende Wissen „einzahlen“ wie Münzen bei einer Bank. Riesige Mengen an Wissen auswendig zu lernen und immer wieder von Dozierenden zu hören, dass sie noch nicht dazu bereit sind, alles zu verstehen, hat passive Köpfe geschaffen. „In der letzten Analyse sind es die Menschen selbst, die durch einen Mangel an Kreativität, Transformation und Wissen in diesem (bestenfalls) fehlgeleiteten System abgelegt werden“, schrieb der brasilianische Philosoph in seinem Buch „Pädagogik der Unterdrückten“, das dieses Jahr sein 50-jähriges Jubiläum feiert. „Wissen entsteht nur durch Erfindung und Neuerfindung, durch ruhelose, ungeduldige, fortgesetzte, hoffnungsvolle Suche, menschliche Nachforschung auf der Welt, mit der Welt und miteinander.“ Die Welt braucht das dringender als jemals zuvor.

Bei mehr Information und mehr Ausbildung als je zuvor haben die Welt und ihre Führer sämtliche Ideen dafür verloren, mit der Komplexität umzugehen, die diese Umkehrung der Logik mit sich bringt. Es bedarf neuer Vorschläge, wie die Gesellschaft zu organisieren ist, wie unsere Regierungen zu strukturieren sind, wie man mit dem Planeten anstatt gegen ihn lebt, wie man Fakten von Fiktion unterscheidet, wie man miteinander umgeht, und, ganz offen, wie man schlicht überlebt. Passiv in einem Vorlesungssaal oder auf einem Sofa zu Hause zu sitzen und zu erwarten, dass Dozierende und Führer, die aus dem gleichen lähmenden Bildungssystem hervorgegangen sind, Antworten präsentieren, ist einfach keine Option mehr.

Ein Bildungsnetz

„Halletmek-Praktiken treten in vielen Staaten auf der Straße auf: Kaputtes wird repariert, Gegenstände oder Räume werden verändert, Dinge werden zusammengeführt, es gibt Upcycling von Fundstücken und alten Gegenständen, und im urbanen Raum werden Eingriffe vorgenommen“, erläutert Nur Horsanalı, eine Absolventin der Istanbul-Bilgi-Universität, die sich vorgenommen hat, die provisorischen Wege zu dokumentieren, wie die Menschen in Istanbul in gestaltete Objekte eingreifen, „um den öffentlichen Raum zu domestizieren, für den Bedarf des täglichen Lebens zu sorgen und – was am interessantesten ist – die Regeln und Verbote der Gemeinde zu überwinden.“ „Halletmek“ ist ein türkisches Wort, für das es keine exakte Übersetzung gibt, es lässt sich aber weitgehend als „sortieren“ übersetzen und beschreibt somit eine sehr aktive Alltagshaltung der Neugestaltung durch Neuanordnung, Lösung, Justierung, Erledigung oder Neubetrachtung. Horsanalıs Projekt ist nicht nur ein Inventar gehackten Designs und eine Klassifizierungslehre von Halletmek-Strategien, sondern ein Netz des praktischen und gestalterischen Lernens, das sich von der Straße bis zum Elfenbeinturm erstreckt. Es ist das erste Projekt, das wir für „A School of Schools“ ausgewählt haben. Seine Grundsätze sind zu Leitmotiven geworden: Halletmek kehrt die Beziehung zwischen Ignoranz und Erfahrung um, betont die Handlungsfähigkeit aller für ihre Umgebung und zeigt dem Wissensnetz einen Austausch, der sich über die ganze Stadt erstreckt.

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In einem Vorlesungssaal auf fertige Antworten zu warten, ist für die Studierenden von morgen keine Option mehr.

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Auf ähnliche Weise versucht „A School of Schools“, das Pluriversum von Möglichkeiten in Design und Lernen aufzulockern, nicht nur durch vielfache Perspektiven, sondern auch durch vielfache Aussagen jenseits von Design als Lösung und der Schule als Institution. Die Etymologie von „Schule“ und „okul“ im Türkischen kann auf das griechische Wort scholē zurückgeführt werden, das „Ort der Muße, Philosophie, Vorlesung“ bedeutet. Durch die Titelwahl „A School of Schools“  für die Design-Biennale haben wir versucht, über die Konnotation der Schule als im 16.Jahrhundert gewachsener Institution hinauszugehen. Denkerbewegungen, Kollaborateure und Fische; Umgangssprache für Indoktrination und Geschichtsrevision in den sozialen Medien, kolonialer Aufbau in Afrika und Glücksspielerclubs in England; physische und digitale Orte der Konversation, Inspiration, Innovation und Evolution – dies sind nur einige der Verwendungen des Wortes „Schule“. Alles und überall ist Schule, und jede einzelne Interaktion, die wir mit Design haben, ist pädagogisch. Die Maschine hat uns seit dem Taschenrechner gelehrt, wie wir uns wie Computer verhalten; unsere Ziele haben unsere Rituale geformt, seit wir das erste Urwerkzeug geschaffen haben; unsere Lehrer und Denker haben seit der ersten Währung jedes Element des Daseins bewertet. Was entsteht, ist ein Bildungsnetz, das, so der kroatisch-österreichische Philosoph Ivan Illich in seiner klassischen pädagogischen Kritik „Entschulung der Gesellschaft“ (1971), „für jeden die Chance steigern“ kann, „jeden Moment seines Daseins in einen Moment des Lernens, Teilens und Sorgens zu transformieren“.

Netze sind nicht homogen, gefestigt oder ganz logisch, und das Gleiche gilt für unsere kuratorische Strategie, sogar diesen Essay. Es ist nicht unsere Absicht, eine große akademische Erzählung anzubieten oder eine weitere Institution als Ersatz für die Designausbildung zu postulieren. „A School of Schools“ ist eine Bricolage aus Projekten, Eindrücken, Ideen und miteinander konkurrierender Ansichten, um aktiv, unterbewusst und rückwirkend ein Bildungsnetz zu formen, das als Launchpad für Zweifel, Dialog und Verwandlung zur Verfügung gestellt wird.

Ein erweiterter Gestaltungsbegriff

Obschon sich die Gestaltungsausbildung seit dem Bauhaus vielleicht nicht mehr spürbar weiterentwickelt hat, ist Design selbst sicherlich über funktionalen Pragmatismus und Weltrettungs-Solutionismus hinausgegangen. Die globale Designgeschichte deckt auf, dass Gestaltung viel älter ist als die Industriewende, die sie im Westen zu einem Fach systematisiert hat. Intention, Prozess und Ausführung der Verbesserung der materiellen Qualität unseres Daseins bei heimischer Bequemlichkeit – ganz zu schweigen von ortstypischer Architektur, der organischen genetischen Veränderung von Getreide sowie der Veränderung des Körpers – sind Belege unseres unbändigen Drangs, neben uns selbst auch unsere Umgebung zu gestalten und weiterzuentwickeln. Mit der Kodifizierung des Fachs Gestaltung als Gelenk zwischen Ästhetik und Technologie im späten 18. Jahrhundert begann auch eine akademische Untersuchung der Beschaffenheit, Geschichte und des Potentials von Design. Erst vor relativ kurzer Zeit haben wir erlebt, dass diese akademische Reflektion der Gestaltung nicht nur ein Fachgebiet für sich geworden ist, getrennt von Kunst- und Architekturgeschichte, sondern auch in den gleichen Hochschulen studiert wird, die nach dem Werkstattmodel des Bauhauses definiert wurden.

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Dem Schmetterling folgen, ohne zu wissen, wohin er führt: das ist Lernen ohne vorbestimmtes Ergebnis.

Wissen entsteht nur durch ruhelose, ungeduldige, fortgesetzte, hoffnungsvolle Suche

Jan Boelen, Nadine Botha, Vera Sacchetti

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Heute erleben wir die Entstehung von mindestens drei selbstbewussteren Designrichtungen: kritisches, relationales und spekulatives Design. „Kritisches“ Design ist sich der neokolonialen Entwicklung und des kapitalistischen Konsums akut bewusst und widersteht seiner Instrumentalisierung hierfür, wobei die Grenzen und Schattenseiten des Fachs in der historischen Gegenwart hervorgehoben werden. „Spekulatives“ Design richtet den Blick in die Zukunft, um zu postulieren, in welche Richtung sich die Welt angesichts der aktuellen sozialen, technologischen und wissenschaftlichen Verläufe entwickelt oder auch nicht. Häufig ist spekulatives Design auch kritisch und revisionistisch, fordert uns jedoch auch dazu auf, außerhalb historischer Grenzen und intellektueller Vorurteile zu denken, um neue, wie auch immer realisierbare Möglichkeiten zu eröffnen, gleichsam als Brille, durch die wir unsere Entscheidungen und deren Ergebnisse anders betrachten können. „Relationales“ Design umfasst soziales und partizipatives Design und Systemdenken, das in den 1970er-Jahren aufkam. Bei relationalem Design geht es nicht nur um das Designobjekt, sondern auch um die Interaktion von Menschen, Objekten, Gebäuden, Städten, Ländern und Netzwerken. „Niemand glaubt mehr, dass das Lernen von heute die ‚Probleme‘ von morgen löst; es ist vielmehr fast sicher, dass es sie verursacht“, schrieb der kritische deutsche Theoretiker Peter Sloterdijk bereits 1983. So fatalistisch dies klingen mag, es ist ein Weckruf: Wir können uns nicht mehr auf die Macht des positiven Denkens oder die Anwendung der immer gleichen Lösungen verlassen und dabei auf ein anderes Ergebnis hoffen. Gestaltung kann nicht länger die Tatsache ignorieren, dass sie wesentlich zu unseren Zeiten konstanter Krisen beiträgt und sie befruchtet. Alle drei neuen Ansätze legen nahe, dass Design keine Antwort parat hält und dass wir alle zu dem globalen System gehören, das den immer gleichen Zyklus durchläuft. Sie ersuchen uns, uns unseren Vorurteilen zu stellen und deren Auswirkungen zu überdenken, und überlassen uns somit die Verantwortung selbst, ohne einfach eine weitere Münze oder Lösung in einen passiven Kopf oder Verbraucher zu stecken.

Ausnahmeräume

Messwerkzeuge sind mythologische Objekte, die die technologische Evolution unserer Zivilisation reflektieren. Einheiten, Werkzeug und Normen waren in dem kulturellen Hintergrund, aus dem sie entstammten, immer spezifisch“, erzählte uns Juliette Pepin nach ihrem Recherchebesuch in Istanbul. „Als Ausländerin fiel mir das Paradox zwischen Istanbuls großartiger globaler Vielfalt in Bezug auf Architektur, Sprache, Geschichte und der großen Menge an Messwerkzeugen auf, die man in den Straßen, Museen und auf dem Basar findet. Als ob sie auf ihre Verwendung warten würden, um die nicht standardisierbare Vielfalt der Stadt zu standardisieren.“ Aufbauend auf ihrem vorangehenden Projekt MOTS, das Kinder in die Pluralität von Sprache einführt, hat die französische Künstlerin für „A School of Schools“ ein Werkstattprogramm entworfen, um Studierende in das künstlerische Potenzial von Disruption und die Übersetzung dieses Prozesses auf Lernen und Kreativität einzuführen.

Der Wunsch, das Unmögliche zu quantifizieren, ist ein Kennzeichen des universellen Bildungssystems, das Studierende anhand einer vorbestimmten Hierarchie von Fähigkeiten und Talenten bewertet. Das Lernen ist nicht die einzige Funktion von Bildung. In ihrer utopischen Manifestation bedeutet Bildung auch Zeit und Raum zum Lernen ohne vorbestimmtes Ergebnis. Das Studieren mag gekennzeichnet sein vom unbändigen Drang, einem Schmetterling zu folgen, ohne zu wissen, wohin dies führt und ob dies schließlich dazu qualifiziert, leichter einen Arbeitsplatz zu finden. Im Kontext neoliberaler Bildung und des Designs für kommerzielle Zwecke könnte man meinen, dass die Momente für eine solche Art von Studium immer schwieriger zu finden sind. „Das Studieren ist eine Art lehrreicher Ausnahmezustand, in dem die Studierenden allein gelassen werden und ohne gesetzlichen Schutz äußerster Gewalt ausgesetzt sind“, bemerkt der amerikanische Philosoph Tyson E. Lewis unter Verweis auf Giorgio Agambens Idee des Ausnahmezustands im Bildungskontext. Schulen, kulturelle Einrichtungen und Biennalen sind allesamt Ausnahmeräume durch ihr Potenzial, einen Zustand der vorübergehenden Loslösung vom normalen Funktionieren anzubieten, in dem utopische Ideen entstehen können. Durch die Installation einer physischen Manifestation von „A School of Schools“ in Istanbul haben wir versucht, die Ausnahmeszenografie des Schulhauses vom Gebäude auf die Stadt zu übertragen. Die Straßen werden zu Fluren des zufälligen Lernens, sie verbinden kulturelle Einrichtungen, von denen jede als Raum des Studiums von multidisziplinären Komplexitäten anstelle von isolierten Fächern dient.

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Wer Zweifeln kultiviert, den führt der Dialog aus Fragen und Neugier auf eine lohnende Lern- und Studienreise.

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Biennalen und Kulturveranstaltungen ermöglichen trotz restriktiver Wirtschaftspolitik und behördlicher Hindernisse internationales Reisen und Wissensaustausch. Das nicht kommerzielle und befristete Wesen von Biennalen kann als Einschränkung und Kritikpunkt an dieser Art von Veranstaltungen erachtet werden. Im Falle von „A School of Schools“ ermöglichen diese Bedingungen jedoch einen Ausnahmeraum, in dem Design- und Bildungsstrategien ohne den Druck, quantifizierte Ergebnisse und replizierbare Modelle zu erzielen, erprobt werden können. Die Nutzung der Design-Biennale als Plattform bietet die Chance, sich vom fabrikinspirierten Schulstundenplan und von vorgefertigten Lerninhalten abzukoppeln, und ermöglicht Künstlern aus der Türkei und anderen Ländern, in ein Studienprojekt einzutauchen. Während einige Projekte als eigenständige Maßnahmen während der Biennale ausgelegt sind, entsteht das Bildungsnetz der Umwandlung schon mehrere Monate vor ihrer Eröffnung und wird, so hoffen wir, noch viele Jahre fortgesetzt. Bei „A School of Schools“ wird man für die Zukunft des Designstudiums keine einzelne Prognose, Vorlage oder Lösung finden. Wir sind nicht hier, um das System zu optimieren, ohne seinen Mechanismus infrage zu stellen. Anstatt Lösungen für vordefinierte Fragen anzubieten, möchte „A School of Schools“ vielmehr zum Zweifeln anregen – Unwissen ist der erste Schritt zur Erkenntnis, und das Studieren mit unbekanntem Ergebnis birgt Potenzial für Neues. Wir möchten eine Diskussion über Design, Bildung und Designausbildung anstoßen. Wir möchten hierdurch mehr Fragen als Antworten erzeugen. Dies macht jeden von uns dafür verantwortlich, zu Agenten unserer eigenen Bildung zu werden.

Ermächtigte Zweifel

„Ich vermute, dass jedes Objekt das Universum beinhaltet, wenn wir ihm auf den Grund gehen, aber ich finde Gefallen an der Tatsache, dass das fragliche ‚Objekt‘ ein tödlich giftiger Fisch ist, den viele Menschen köstlich finden (ich mag ihn).“ So erklärte uns Maki Suzuki von Åbäke die Faszination, die von dem giftigen Fugu, der in Japan als Delikatesse gegessen wird, auf ihn ausgeht. Der französisch-japanische Designer erfuhr, dass der Kugelfisch in den letzten Jahren auch in türkischen Gewässern aufgetaucht ist. Ausgehend von diesem anscheinend anekdotenhaften Detail über die globale Erwärmung machte er sich für „A School of Schools“ daran, die unwahrscheinliche Migration des Fisches zu untersuchen, in der Hoffnung, „der Dominoeffekt von Zusammenkünften mit Experten könnte zu einem nomadischen Bildungssystem führen. Bei jedem Treffen würde es zur Schaffung eines Objekts und zu einem Weg kommen, der hoffentlich durch die Diskussion selbst und weniger durch ein vordefiniertes Ziel gelenkt wird.“

Zweifel ist wie Fugu: Wenn man Angst vor ihm hat oder ihn nicht richtig zubereitet, kann das Gift die Neugierde und Leidenschaft töten. Die Verletzlichkeit, die durch Unwissen entsteht, lässt uns unbekannten Menschen, widersprüchlichen Ansichten und unerklärlichen Technologien mit Angst und Hass begegnen. In der vertrauten Geborgenheit unter Gleichgesinnten und im Echoraum der sozialen Medien werden passive Konsumenten zur leichten Beute für die moderne politische Infrastruktur der Angst. Stellen wir uns andererseits dem Zweifel, indem wir ihn beim Namen nennen und anerkennen, dass Fugu giftig ist, können wir einen Dialog aus Fragen und Neugier beginnen, der uns auf eine lohnende Lern- und Studienreise führt.

Dieser Bildungsprozess muss dringend selbst angestoßen werden. Die Maschinen wollen uns nicht unsere Arbeitsplätze abnehmen, sie sind bereits da, und Unterhaltungsangebote und soziale Medien scheinen wild entschlossen, uns zu passiven Konsumenten zu machen, die genau diesen Verlauf der technologischen Beschleunigung akzeptieren, bei dem der Mensch überflüssig wird. Wir müssen uns wieder auf unsere Handlungsfähigkeit berufen, ermächtigte Zweifler daran werden, was und warum uns etwas als Wahrheit präsentiert wird, und das Lernen und Studieren proaktiv suchen, wenn wir überleben wollen. 

Headline

Zweifel ist keine weiche oder unschlüssige kuratorische Strategie. Er besteht darauf, dass wir ernsthaft damit beginnen, radikale Alternativen zum Passivwerden und Abstumpfen der allgemeinen Bildung zu ergreifen. Er insistiert, dass dies jetzt beginnt, mit dieser Biennale, indem er jeden Bildungswandel dem Zweifel, der Neuverhandlung und dem Umlernen jedes Einzelnen überlässt. Er besteht darauf, dass wir uns mit Zweifel und Unwissen nicht nur als erstem Schritt zum Lernen, sondern auch als neutralem Schritt zu dem Ziel anfreunden müssen, andere Menschen und Ideen zu akzeptieren, die sich nicht mit unseren decken. Er besteht darauf, dass führende Personen in der Bildung und kulturelle Einrichtungen ihre Ausnahmeräume dazu nutzen, den unbedingten politischen Akt des echten Lernens zu ermöglichen. „A School of Schools“ besteht darauf, dass, wie Plutarch behauptete, „das Gehirn nicht nur ein Gefäß ist, das gefüllt werden muss, sondern ein Feuer, das gezündet werden will“.

Dieser Artikel stammt aus der dritten Ausgabe des Magazins „bauhaus now”.

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