Vom Experiment zum Weltkulturerbe

ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: Felix Grünschloß
Ausstellungsansicht

Absatz 1 + 2

Acht Kapitel Bauhaus erwarten Bauhausfans in Karlsruhe. Und eine große Portion Rezeption. In den acht Kapiteln, die vom Schwebenden der Materialerforschung, über das Experiment der Gemeinschaft, der Pädagogik und die Vorstellungen eines neuen Menschen mit der Verbindung Kunst, Handwerk und Technik zurück zum Kern des Bauhauses führen, geht es auf Tuchfühlung. Das ist nicht nur einfach, denn das Bauhaus war ein Experimentierraum, keine linksutopische Gemeinschaft, wie zu oft vorschnell angenommen wird. Es war ein Spiegel der Strömungen, Ideen und Konzepte seiner Zeit. Mit allem, was das an Spannendem, Gutem, mitunter aber vielleicht auch Befremdlichem bedeutet.

Über das langsam ausklingende Ausstellungsjahr gab es eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich dem Bauhaus über das Objekt, den Gegenstand anzunähern. Viele Bauhaus-Entwürfe sind längst Ikonen der Einrichtung geworden und begegnen uns immer wieder. Aber was, wenn man das Zitat des Bauhausschülers und -lehrers Fritz Kuhr, dass dieser Ausstellung den Namen gibt, aus dem Kontext löst und einmal wörtlich nimmt? „Die Welt hat nur dann Sinn, wenn sie ein Bauhaus ist. Die ganze Welt ein Bauhaus.“ Welchen Platz hat das Bauhaus in der Welt? Wo setzte es Akzente, beeinflusste lokale Strömungen der Moderne und wo wirkt es bis heute nach?

ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: A. Körner, bildhübsche Fotografie, Institut für Auslandsbeziehungen
Ahlfeld-Heymann, Marianne (zugeschrieben) Übung aus dem Unterricht “bildnerische Formenlehre” von Paul Klee
ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: A. Körner, bildhübsche Fotografie, Institut für Auslandsbeziehungen
Meyer, Hannes (Hrsg.) „studiert am bauhaus!“, bauhaus. zeitschrift für gestaltung, 2/3 1928

Bauhaus international

Der gedankliche Weg hinaus in die weite Welt prägt den zweiten Teil der Ausstellung, mit Fallstudien aus Südamerika, Casablanca, Moskau, Stuttgart und den USA. Es ist ein Weg, den die Ausstellung selbst zurückgelegt hat. Mit der Auflösung des Bauhauses gingen nicht viele Bauhausköpfe ins Exil, mit den Menschen ging auch immer die Idee. Und so verbanden sich Bauhausgedanken mit den vielfältigen Avantgardeansätzen, die sich überall in der Welt entwickelt haben.

Die weite Welt als Spiegel oder Resonanzfläche, das gilt nicht nur für das Bauhaus-Werk, sondern auch für die Ausstellung selbst. Bevor sie in Karlsruhe Station machte, war sie bereits seit Juni in Buenos Aires und Mexiko zu sehen. Um die Gesamtheit der Ausstellung zu erfassen, lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen. Das ifa – Institut für Auslandsbeziehungen steht hinter der Ausstellung in Karlsruhe. Der Absender und Initiator ist also keine schwerpunktspezifische Sammlung, sondern Mittlerinstitut, das sich dem Kunst- und Kulturaustausch verschrieben hat. Und man ist dem Bauhaus schon lange verbunden im Hause, erzählt Valerie Hammerbacher, Kuratorin beim ifa in Stuttgart: „Es gibt in der Geschichte unserer Institution vielfältige Anknüpfungspunkte. Da wäre zum einen die Bauhausausstellung von 1968 anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Bauhauses, aber auch eine Ausstellung zum Thema Bauhaus-Fotografie, die Wulf Herzogenrath entwickelt hatte. Beide Ausstellungen waren ebenfalls Tournee-Ausstellungen.“
Da wird dann auch ein besonderer Aspekt deutlich, der das Bauhausjahr prägt: die vielen möglichen Anknüpfungspunkte, aus denen heraus man sich dem vielschichtigen Thema Bauhaus nähern kann. Und das wirft die Frage auf: Was war die zentrale Fragestellung für diese Ausstellung?

Es ist ein großzügiger Resonanzraum, aus dem heraus die aktuelle Ausstellung entstanden ist. „50 Jahre Bauhaus, das hieß damals auch, dass das Bauhaus nicht abgeschlossen in der Vergangenheit liegt, sondern eben fortdauert und wirkt über diese 50 Jahre. Es war der Höhepunkt der Musealisierung des Bauhauses mit Ausstellungsmachern, die teilweise dem ursprünglichen Bauhaus eng persönlich verbunden waren. Die Ausstellung setzte dann auch einen deutlichen Schwerpunkt auf Walter Gropius. Die Auseinandersetzung mit der Institutshaltung gegenüber dem Bauhaus schafft spannende Reibungspunkte für unser Ausstellungskonzept heute“, vertieft Valerie Hammerbacher die Beziehung des ifa zum Bauhaus. „Vor diesem Hintergrund der langen Verbundenheit mit dem Bauhaus wollten wir den Blickwinkel erweitern und das Bauhaus nicht als nationale Unternehmung darstellen, sondern als transnationale.“

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Von Disteln in Chile – das Bauhaus ist Weltkulturerbe

Auf der Spurensuche des Bauhauses in der Welt geht es nicht darum, reine Bauhaus-Ableger aufzutun. „Es geht um die Kontakte zu gleichzeitigen Modernen, aber auch um die Rezeption. Also vom Bauhaus weg zum Bauhaus hin und parallel laufend“, fasst Valerie Hammerbacher die Spurensuche zusammen. Und Lateinamerika hatte in diesem Zusammenhang noch viel Unbekanntes zu bieten. Dass das Bauhaus aber auch dort ein Begriff ist und nach wie vor Neugier weckt, zeigen die hohen Besucherzahlen auf den Stationen der Ausstellung. Diese Stationen werden in der Ausstellungsgestaltung im ZKM gespiegelt, laden ein, direkt in die Auseinandersetzung mit der Bauhausrezeption zu treten. Und es gibt Spannendes und Verwunderliches zu entdecken.

Parallel zur Entstehung des Bauhauses erlebten auch viele Länder Lateinamerikas zuvor nie dagewesene Reformprozesse. Die Fragen drehten sich hier wie dort um kulturelle Identität, Emanzipationsbewegungen, Nationalstaatlichkeit und Selbstverständnis. Vor dem Hintergrund einer noch nahen Kolonialgeschichte hatten sie aber eine andere Prägung. Und so lässt sich gut beobachten, wie Ideen, die das Bauhaus bewegten, hier verfingen, aber übergingen in etwas kulturspezifisch Eigenständiges. Greifbar wird dies an der Person des chilenischen Künstlers und Bildungsreformers Carlos Isamitt, der, beeinflusst von europäischen Bildungstheorien und Reformen, in der Neuausrichtung von Pädagogik und Didaktik einen Motor gesellschaftlichen Wandels sah. Dazu gehörte eben auch der bewusste Rückgriff auf indigene Kulturelemente für moderne Gestaltungsprinzipien. Und so wird aus „Vor mir steht eine Distel“, mit der unter dem Bauhaus-Meister Johannes Itten die individuelle Einfühlung in den Gegenstand erprobt werden sollte, bei Isamitt eine Studie geometrischer Formen, die, stark abstrahiert, doch wieder auf die Distel zurückführen und dabei in den Formen indigene Gestaltungelemente aufgreifen.

Hier wirkt das Bauhaus und geht doch in etwas ganz Eigenständiges über. Diese verschwimmende Grenze zwischen Nationalem und Transnationalem wird auch in der heutigen Auseinandersetzung mit dem Bauhaus deutlich. So gibt es im Jubiläumsjahr in Uruguay eine Briefmarke, die eine Teekanne der Bauhaus-Metalldesignerin Marianne Brandt zeigt. Briefmarken sind streng genommen nationale Erinnerungskultur auf kleinstem Raum. 2019 wird ein Bauhaus-Original so Teil uruguayischer Erinnerungskultur und zeigt, dass das Bauhaus ein fester Bestandteil eines modernen Weltkulturerbes ist.

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Das Bauhaus, ein Steinbruch

Das waren nun 100 Jahre Bauhaus. Gibt es ein Limit an Fragen, die wir dem Bauhaus stellen können? „Das Bauhaus ist wie ein Steinbruch“, lacht Valerie Hammerbacher. „Das Bauhaus ist Teil des Referenzraumes für die Postmoderne, gegenüber dem wir uns artikulieren. Es ist natürlich Teil der Erinnerungskultur und steht der aktuellen künstlerischen Praxis als etwas historisch Gewesenes gegenüber, aber es ist und bleibt für jede Befragung fruchtbar.“

Es heißt also neugierig bleiben. Noch längst ist nicht alles erzählt über das Bauhaus, und wer sich dem Bauhaus nun noch über diese Ausstellung annähern möchte, hat noch bis zum 16. Februar die Gelegenheit im ZKM Karlsruhe. Danach setzt die Ausstellung ihre Reise fort – mit Polen als nächster Station.

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Autorenkürzel

(MBK 2019)

Informationen

„Die ganze Welt ein Bauhaus“
bis 16.02.2020

ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe
Lorenzstraße 19
76135 Karlsruhe

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