„Wie verändern wir die Welt?“

Bauhaus in the making

Max Welch Guerra
„Wie soll Mobilität in einer Stadt mit 13 Millionen Einwohnern aussehen? Gibt es immer mehr Autos? Wie schaffen wir eine andere Mobilität?“ (Walch Guerra)

Frau Grau, Herr Welch Guerra: Ihre Uni trägt das Bauhaus im Titel. Was unterscheidet die Hochschule in Weimar von anderen Universitäten?

Max Welch Guerra: Wir beschäftigen uns mit der Gestaltung der Lebenswelt. Wie verändern wir Menschen, die materielle Welt, die sozialen Verhältnisse und die Kultur? Da stehen wir in der Tradition des historischen Bauhaus und übersetzen diesen Ansatz in die Gegenwart.

Victoria Grau: Ich mache gerade ein Ausslandssemester in Dublin. Dort spielt die Geschichte der Uni für die Studierenden keine Rolle. Es findet auch keine kritische Reflexion über die Stellung der Universität im gesellschaftlichen Leben statt. Das ist ein starker Kontrast zu Weimar, wo dieser Aspekt ja bereits vom historischen Bauhaus vorangetrieben wurde.

Welch Guerra: Als ich den Studiengang Urbanistik 2008 gegründet habe, musste ich entscheiden: Will ich Fachleute ausbilden, die gut ausführen? Oder lieber Leute, die zwar wissen, wofür es einen Flächennutzungsplan braucht, denen aber auch bewusst ist, dass man mit Planung nicht nur Schönes aufbauen, sondern auch viel zerstören kann. Wir müssen zudem aus der Geschichte lernen. Nach dem historischen Bauhaus haben die Nazis unser Haus genutzt. In der DDR wurde dann die Kunst abgeschafft, dafür kamen die Bauingenieure an die Hochschule. Wir stolpern also ständig über die Geschichte. Deshalb ist uns die kritische Selbstreflexion so wichtig. Es wäre furchtbar, wenn unsere Studenten sich für irgendwelche Zukunftsvisionen begeistern ließen, ohne sich zu überlegen, was damit verbunden ist.

Ist der Name „Bauhaus“ manchmal eine Last?

Welch Guerra. Gropius und andere Bauhäusler waren sehr autoritär und hatten extrem problematische Rollenbilder im Kopf. Damit wollen wir nichts zu tun haben. 

Grau: Wir sind stolz, an einer solchen Institution unterrichtet zu werden. Allerdings möchten wir nicht das Bauhaus der Vergangenheit darstellen.
 

Wie grenzen Sie sich vom historischen Bauhaus ab?

Welch Guerra: Die Bauhäusler haben das Potential der industriellen Massenproduktion genutzt, um den Lebensstandard der Bevölkerung zu heben. Heute geht es nicht mehr, dass ich mir keine Gedanken darüber mache, wo die Ressourcen herkommen, was die Konsequenzen unseres Flächenkonsums sind. Auch das, was wir unter gesellschaftlichem Fortschritt verstehen, ist heute anders. Es geht nicht einfach darum, dass jeder in einer Neubauwohnung wohnt. Vielmehr sind Fragen der Unterschiedlichkeit der Bevölkerung relevant. Damals waren die Lösungen eher Massenlösungen, das war legitim. Heute ist es das nicht mehr. Und worin wir uns noch unterscheiden: Das historische Bauhaus hat so getan, als könnte die Welt neu erschaffen werden. „Hoppla, jetzt kommen wir“, war die Devise. Wenn wir dagegen heute die Zukunft gestalten, fragen wir: Was ist schon da? Wir handeln aus einem historische Bewusstsein heraus. Immerhin bestehen unsere Städte zum größten Teil aus Vergangenem.

Lassen Sie uns über die Zukunft sprechen. Wie werden wir künftig leben, arbeiten, wohnen? Als Urbanisten beschäftigen sich sich mit solchen Fragen. Wie lautet Ihre Antwort? Wie sieht die Zukunft aus?

Welch Guerra: Ganz ehrlich – wir wissen nicht, wie es weitergeht. Vieles ist unklar, ob in Bezug auf Politik, soziale Gerechtigkeit, den Umgang mit den Ressourcen. Was wir bisher für selbstverständlich hielten, nämlich dass es den Menschen immer besser gehen wird, ist plötzlich in Frage gestellt. Wir müssen uns daher stärker bemühen, Einfluss zu nehmen. 

Was ist mit Flugtaxis, selbstfahrende Autos und Robotern, die uns Essen servieren. Beschäftigen Sie sich auch mit diesen Visionen?

Grau: Natürlich! Aber wir behalten die Probleme der Gegenwart im Blick. 

Victoria Grau
Victoria Grau studiert im 5. Semester Urbanistik an der Weimarer Bauhaus-Universität
Max Welch Guerra
Prof. Dr. Max Welch Guerra ist Leiter des Studiengangs für Urbanistik an der Bauhaus-Universität Weimar

Wie weit in die Zukunft schauen Sie denn?

Grau: Wenn wir den Standort unserer Uni, Thüringen, betrachten, wo die politischen Umstände so ungewiss sind, dann handelt es sich um eher kurze Zeitspannen. Wenn wir über Umweltfaktoren sprechen, dann blicken wir weiter in die Zukunft, bis vielleicht 2050. 

Welch Guerra: Wir lassen uns nicht mehr vom spektakulären technischen Fortschritt einehmen, wie das Forschern früher passierte: Wir Planer denken langfristig. Nehmen wir Buenos Aires. Wie soll Mobilität in einer Stadt mit 13 Millionen Einwohnern aussehen? Gibt es immer mehr Autos? Wie schaffen wir eine andere Mobilität? Möglicherweise sind Vorortzüge wichtig. Und Fahrradverkehr, massenhaft! Wir möchten sicherstellen, dass es allen Menschen auch in 50 Jahren noch gut geht. Dafür brauchen wir einen behutsamen Ansatz.

Alle reden von den Städten. Sie auch. Was passiert denn mit dem Land?

Welch Guerra: Der ländliche Raum ist immens wichtig für die Politik und die Ökonomie. Da geht es um Ressourcen, um Menschen, die sich bedroht fühlen, um Kulturen, die verschwinden. Der ganze wirtschaftliche Erfolg der Stadt München zum Beispiel wäre nicht möglich ohne ländliche Gebiete. Damit eine Stadt wie München blühen kann, braucht es Leute vom Land, die für viel weniger Geld arbeiten und gute Ware liefern.

Inwiefern beziehen Sie Faktoren wie Gender und Diversity mit ein?

Welch Guerra: Es ist undenkbar, dass wir nicht im Kopf haben, dass es unterschiedliche geschlechtliche Orientierungen gibt. Oder dass unterschiedliche Kulturen existieren, die alle ein Recht haben, auch an der Uni präsent zu sein. Wir müssen dafür sensibel sein, weil das relevant ist für den Alltag. Für wen plane ich eine Siedlung? Nur für Normalfamilien? Und was ist eine Normalfamile überhaupt?

Grau: Als Frau kann ich heute an der Uni genauso studieren wie ein Mann. Das war am historischen Bauhaus anders. Frauen wurde das Studium sehr erschwert. Dass das heute nicht mehr der Fall ist, verstehe ich als Selbstverständlichkeit, und das gilt auch für unsere Zukunftsmodelle.

Wie wichtig ist Beteiligung?

Welch Guerra: In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts haben Stadtplaner Fakten geschaffen, riesige Wohnsiedlungen einfach irgendwohin gepflanzt. Wir sind heute darauf angewiesen, die Leute mitzunehmen. Das betrifft Wachstumsgebiete genauso wie schrumpfende Regionen, Menschen im Wohlstand genauso wie andere, die benachteiligt sind. Viele gesellschaftliche Milieus erreiche ich nur, wenn ich auf sie zugehe, ihre Sprache spreche. Wenn ich an den Thüringer Wald denke, dann ist Internet zum Beispiel wenig hilfreich, das erfahre ich selbst immer wieder. Wenn es gilt, in einem Dorf mit einem Durchschnittsalter von 60 Jahren etwas zu verändern, dann müssen sie sich mit den Leuten hinsetzen und unterhalten. Das kann mit einem Bildschirm sein oder mit Pappe und Filzstift. Aber ohne Beteiligung geht es nicht. 

Bei all den schlechten Nachrichten, die jeden Tag auf uns hereinprasseln: Glauben Sie noch an die Zukunft?

Welch Guerra: Wir leben in einer Gesellschaft, die viele Zwischenräume der Reflexion bietet. Diese Räume müssen wir nutzen. Dann haben wir durchaus eine Zukunft.

Grau: Wir sind uns der Probleme sehr bewusst. Aber wir sind fähig, immer wieder Ideen zu entwickeln, den Wandel positiv zu gestalten. Das macht mich optimistisch.

Egal

Vielen Dank für das Gespräch!

    [KK 2020]

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